Apparition of Bloom
Jonas Brinker, Patricia Detmering, Nancy Görlach, Juliane Tübke
Konzipiert von Patricia Detmering
SAP Space, Donaustr. 50, 12043 Berlin-Neukölln
„Alles ist Blatt.“
Mit diesem Satz beschreibt Johann Wolfgang von Goethe, einleitend die Suche nach seiner Urpflanze und verfolgt damit zugleich den Gedanken, es müsse eine zugrunde liegende, vollkommene und ideale Grundform der Natur geben. Dieses Denken trägt eine fast ideologische Hoffnung auf ein Ganzes in sich, bleibt jedoch letztlich ungelöst und scheitert an der Vielfalt der tatsächlichen Erscheinungen. „The Bloom“ wird der Moment in dem Goethe zu seiner Liebsten, Christiane schreibt, dass er sich selbst getäuscht hatte und die Urpflanze nur ein theoretisch abstraktes Konstrukt sein kann.
Apparition of Bloom nimmt diese Vorstellung als Ausgangspunkt und verschiebt sie aus der Botanik in psychische, materielle und symbolische Zusammenhänge. Die Ausstellung interessiert sich weniger für Natur als harmonisches System, sondern viel mehr für die Stellen, an denen solche vom Menschen erdachten Ordnungen brüchig werden. Sie setzt genau dort an, wo der Anspruch auf eine geschlossene Form nicht aufgeht und sich stattdessen Spannungen und Brüche zeigen. Die Arbeiten von Jonas Brinker, Juliane Tübke, Nancy Görlach und Patricia Detmering zeigen Bildzustände, in denen sich Form nicht stabil hält. Körperliche, pflanzliche und abstrakte Elemente verschieben sich ineinander, ohne je ganz fest zu werden. Natur wird dabei weniger Motiv als eine Art Träger für affektive Zustände und Assoziationen, die bewusst nur angedeutet bleiben. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Ausstellung auch als Kommentar zur Gegenwart lesen. In einer Zeit, in der viele gesellschaftliche Debatten nach Eindeutigkeit verlangen, wächst der Druck, Ambivalenz zu reduzieren. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis nach Sinn und Zusammenhang bestehen. Apparition of Bloom versucht nicht, diesen Widerspruch aufzulösen. Ambiguität wird hier nicht als Problem verstanden, sondern als Teil jeder Erfahrung. Veränderung erscheint so nicht als lineare Entwicklung, sondern als fragiler Prozess: Formen entstehen, zerfallen und tauchen wieder auf. Was bleibt, ist kein abgeschlossenes Bild, sondern eine Bewegung zwischen dem Wunsch nach Ganzheit und der Erfahrung, dass Dinge offen und unvollständig bleiben.
SAP Space
SAP Space ist ein Projektraum, der den Garten als ein erweitertes Thema betrachtet und einen physischen und konzeptionellen Raum für die Erforschung von Naturkulturen und darüber hinaus bietet. Der Raum befindet sich im Hinterhof eines Neuköllner Altbaus und umfasst ein kleines einstöckiges Gebäude und den Garten, in dem es sich befindet. Der Garten ist auch eine Erweiterung des Lebensraums der Gründer von SAP Space, wo die Semiotik der Kunst in die Ikonographie eines alltäglichen Hinterhofs eindringt und umgekehrt, wodurch das Alltägliche und das Diskursive verschwimmen.
Der Name SAP Space leitet sich aus den vielfältigen Bedeutungen des Wortes „sap“ ab - es bedeutet sowohl die lebenswichtige zirkulierende Flüssigkeit einer Pflanze als auch eine übermäßig sentimentale Person - ein kleines, aber passendes Wort für ein Projekt, das aus der Zusammenarbeit und Arbeit einer Lebensgemeinschaft entstanden ist.
In Anlehnung an den Rhythmus der Jahreszeiten finden im SAP Space von April bis Oktober Ausstellungen, Performances und Workshops statt, und in den Wintermonaten wird ein Winterschlaf gehalten.
Die Saat für den SAP Space wurde 2019 oder 2020 gelegt, offiziell gegründet wurde er aber erst 2022 von Ilyn Wong und Johannes Knall. Das Programm wird von Ilyn Wong geleitet.
Gegründet: 2022